Montag, 14. Februar 2011

Ausgel(i)ebt

Ich muss mich heute ein wenig beeilen und komme daher ohne große Einleitungsreden und Ab- und Umschweife direkt auf den Punkt. So langsam aber sicher hat es sich ausgeliebt, der Tag neigt sich stark dem Ende zu. Die Liebenden lieben sich vermutlich immernoch oder gerade jetzt und die Singles haben so langsam ihre Schokoladenvorräte in sich hineingestopft. Leider war selbst der früher so todsichere Plan, sich am bösen 14. Februar einfach zu Hause zu verschanzen, um so all dem überzogenen Geturtel zu entkommen, zwecklos. Im Zeitalter des Internets gibt es keinerlei Entkommen. Bereits an der Startseite des Browsers wird man daran erinnert, welcher Tag denn heute ist: google ist natürlich im lustigen Herzchenschriftzug geformt und bei Facebook überschlagen sich die Statusnachrichten sämtlicher Valentinstagliebeleien und Hasstiraden. Knappes Unentschieden. Allesamt nehmen sie diesen Tag wichtig, ob nun Turteltäubchen oder frustrierter Single. Das Geturtel nervt und die verzweifelten Versuche der Letzteren, die durch böse Floskeln nur noch verzweifelter wirken, ebenso. Auch die momentan ach-so-glücklichen Paare werden sich trennen und dann sind auch sie alleine. Bis jemand Neues kommt. So ist das Leben, ihr lieben Singles da draußen. Und nein, ihr werdet nicht "forever alone" sein, auch nicht an jedem weiteren Valentinstag. Die Liebe besucht jeden von uns, wenn man es will. Und sie zieht weiter, wenn man es nicht will.

Am offiziellen Tag der Liebe möchte ich mich der Trennung widmen - ironisch, wie ich eben so bin. Über das Ver- und Entlieben, auch wenn ich darin sicher kein erprobter Profi bin, möchte ich mich doch auch einmal großkotzig ein wenig aus dem Fenster lehnen und in all die Herzchenluftballons, die den Himmel aufsteigen, mit einer Nadel reinpieksen. Liebe hier, Liebe dort. Sie ist zentraler Gegenstand im Leben eines jeden. Das ist eine Tatsache, die viele sicherlich leugnen wollen und werden, aber rein biologisch und chemisch gesehen gibt es sie. Irgendwas in einem jeden von uns sorgt dafür, dass wir sie brauchen, wollen oder einfach nur zum Kotzen finden. Aber sie ist da. Das Verlieben ist dabei eine simple Sache; sie passiert einfach, weil es sie nicht interessiert, wann, wo, wer und ob überhaupt angebracht. Damit hat man dann zu leben. Es gibt sicherlich auch die Ausnahmen, die sich bereits an dieser Stelle dafür entscheiden, nicht damit zu leben und sich umbringen. Aber Ausnahmen bestätigen auch hier nur die Regel. Wir verlieben uns und werden damit im Idealfall glücklich. Wenn es nicht so ideal läuft, verfluchen wir die böse, böse Liebe, weinen, verzweifeln, essen Schokolade, denken uns die fiesesten Pläne aus, werfen Dartpfeile auf das Bild des Objekts der ungewollten Begierde und werden durch dessen Anblick nur noch verzweifelter, stalken, weinen wieder, hassen, fluchen, werden depressiv, setzen die fiesen Pläne in die Tat um, bestrafen, töten den Unerreichbaren in manchen Fällen. Manchmal besinnen wir uns aber auch und entlieben uns einfach. Wobei das leider gar nicht so einfach ist. Aber in meinen Augen die angenehmere Alternative. Wir verlieben uns und entlieben uns wieder. Schnell könnte man sich da fragen, weshalb man sich überhaupt verliebt, wenn man diesen Virus doch am Ende ohnehin in jedem Fall wieder loswerden muss und das am besten ohne Medikamente. Das ist wohl die Rache von Mutter Natur.

Menschen sind in den meisten Fällen schlecht. Der eine erkennt es früher, der andere später. Der anfängliche Trip zur Wolke 7 mit rosaroter Brille auf endet auf dem harten Boden der Tatsachen. Man muss einsehen, dass dieser Mensch ganz anders ist. Das Idealbild, das man sich in seinem naiven Turteltaubenkopf zusammengebastelt hat, zerfällt und die Schuppen, die von den eigenen Augen fallen, ergeben einen Schritzug der traurigen Erkenntnis: Du hast dich in diesem Menschen geirrt. Denn er ist weder liebevoll noch an dir interessiert. Er ist vielleicht nicht einmal sonderlich schön, weder optisch noch charakterlich. Er ist triebgesteuert, billig, widerlich. Man ist angewidert von ihm und vor allem sich selbst, weil man genau der Narr war, der man nie sein wollte. Man wollte doch diesmal alles richtig machen und hat sich am Ende lediglich zum Affen gemacht. Mission fehlgeschlagen. Am Ende steht man allein da mit seiner bitteren Einsicht und dem gefühlten Loch in der Brust. Dann folgen die oben erwähnten Folgehandlungen: Schokolade, Taschentücher, Flüche, Hass, Wut, Tod. Entweder eins davon, mehreres oder alles. Jeder hat so seine eigene Art und Weise, sich zu entlieben. Niemand will sich entlieben. Meist will sich aber auch niemand verlieben. Verlieben kann einen hilflos, schwach und verletzlich machen, entlieben hingegen - und das macht das Ganze vielleicht zumindest ein wenig schmackhafter - stark, realistisch und manchmal sicherlich verbitterter. Niemand denkt gern ans Entlieben, aber von jedem wird es erwartet, dazu fähig zu sein. Es wird erwartet, wenn die Liebe weiterzieht und einen herzlos zurücklässt, dass man sich sein Herz zurückholt und weiterlebt. Und zwar glücklich. Wie anfangs erwähnt bin ich mit Sicherheit kein Liebesprofi, aber auch ich habe aufrichtig geliebt, musste mit der oben beschriebenen Erkenntnis leben und mein Herz wiederfinden. Also denke ich, darf ich mir das Urteil erlauben, dass es immer möglich ist, sich zu entlieben. Das beste Heilmittel ist die Einsicht, wie wenig der Mensch, den man einst lieben musste, einen eigentlich verdient. Denn wer die Liebe und das schwebende Taumeln eines Verliebten dazu ausnutzt, um zu verletzen, der verdient keine Liebe. Niemals und in keinem Fall. Rache wäre verschwendete Zeit des kostbaren Lebens, das so viel anderes Schönes bereithält für jeden, der die Augen offenhält. Die Herzensbrecher brauchen keine Rache durch andere, dafür sorgen sie ganz allein. Versprochen. Ein bisschen heulen ist okay, aber nicht zu lange. Ein bisschen Schokolade auch, aber nicht zu viel. Die Liebe wird noch oft vorbeischauen und oft verlassen zurücklassen. Übung wird man dadurch nicht bekommen, doch vielleicht versteht man sich im Laufe der Zeit schneller darin, den Blick geradeaus zu richten und dort vielleicht die Erkenntnis zu erhaschen, dass wahre Freunde der eigentliche Schatz im Leben sind.

Das war im übrigen mein größter Tipp, den ich zum Entlieben so zu bieten habe. In diesem Sinne: Turteltauben turtelt ruhig fröhlich weiter und meinen Glückwunsch an all die Singles: ihr habt den Tag überstanden.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Kurzer Exkurs: Was ein Handkuss und die Bahn gemeinsam haben (sollten)

Gute Manieren. So manch einer fragt sich vielleicht an dieser Stelle, wovon ich hier rede und was das überhaupt ist. Nun, das ist demjenigen nicht einmal zu verübeln, denn ich wage die Behauptung aufzustellen, dass gewisse Sitten und Charakterzüge tot sind. Vereinzelt zucken sie noch bei dem einen oder anderen seltenen Expemplar Homo Sapiens, doch scheint es beinahe unmöglich, das Massensterbern zu beenden: Gute Manieren sind vom Aussterben bedroht.

Ich halte mich stets für eines dieser raren Exemplare, wenn ich mir die anderen so ansehe. Die Tür hält einem keiner mehr auf, für alte Menschen erhebt sich in Bus und Bahn auch niemand, kaum einer weiß Bitte und Danke im rechten Moment einzusetzen und vieles, vieles mehr weiß niemand. Zu vieles, das ohnehin längst früheren Zeiten angehört und heute als stumpf, altmodisch und überflüssig abgetan werden würde. Ich kenne keinen, der seine Freundin oder eine Dame, wie sie niemand mehr bezeichnen würde, mit einem Handkuss begrüßt. Dabei ist diese Geste äußerst romantisch, wie ich finde. Lädt man die Begleitung in ein Restaurant ein und hilft ihr dann auch noch aus und in den Mantel, wird man wohl rasch als spießig betitelt. Das war einmal und wird nie wieder sein. Das wird mir besonders im Großstadtleben klar. Als herausstechendes Beispiel habe ich mir die allseits geliebte Deutsche Bahn herausgesucht. Die Unzuverlässigkeit, Freundlichkeit und Flexibilität einmal völlig außen vor gelassen, lenke ich den Blick einmal auf den Moment der Zugeinfahrt. Die Szene ist doch stets gleich: Ein Bahnsteig voller Menschen, zuerst recht gut verteilt. Hin und wieder schubst und drängelt sich ein Einzelner vorbei, der sich seinen Weg durch die Wartenden auf dem Steig bahnt, doch das stört schon gar nicht mehr. Darüber hat man sich oft genug aufgeregt und schluckt die Wut. Dann die Durchsage, der Zug fährt jeden Moment ein. Man spürt die aufsteigende Unruhe in der Masse, die sich nun entlang der weißen Sicherheitslinie aufzureihen beginnt. Dann fährt die Bahn ein. Die Bahn kommt. Tatsächlich. Gehetzte, geile Blicke. Jeder will einen guten Platz ergattern. Der Zug hält, an den Türen sammeln sich Menschentrauben und hier kommen die mangelnden Manieren ins Spiel. Alles vorher war im Bereich des Neumodischen. Die Türen öffnen sich. Noch geilere Blicke, die geiern. Man sieht es ihnen allen an. Und man spürt es an den Ellenbogen, die einem in alle erdenklichen Körperteile stechen und drücken, an den Händen und Leibern, die drücken, drängeln und quetschen, ganz gleich wen: jung, alt, stark, zerbrechlich - nun zählt nur eins: man selbst und nur man selbst. Wie immer eigentlich. Rücksicht ist eh altmodisch und Nächstenliebe sowieso der letzte Mist. Mir hat man zumindest noch beigebracht, dass man andere erst aussteigen lassen soll, doch auch das scheint so langsam in die Kategorie "tot, vergessen, doof, überflüssig und altmodisch" zu fallen. Schade. Mir schien diese Idee immer einleuchtend zu sein. Wie so vieles längst Vergessenes. Aber ich bin wohl einfach spießig. Und ich werde spießig bleiben, auch wenn ich als Ausnahme lediglich die Regel bestätige. In diesem Sinne: Weckt die Sinne und gute Nacht.

Dienstag, 18. Januar 2011

Allein mit dir

Die Zurufe für ein frohes neues Jahr sowie all jene damit verbundene Wünsche erspare ich dem Leser an dieser Stelle, denn wie wir alle inzwischen gemerkt haben sollten, werden persönliche Vorsätze bereits heute - in der dritten Woche des neuen, hoch angepriesenen Jahres - vergessen und über Bord geworfen sein, wo sie auf dem Boden der Tatsachen elendig vergammeln. Ja, so ist das Leben könnte man nun zusammenfassend sagen. Das neue Jahr hat man bereits einen Tag, bevor es überhaupt begonnen hat, gefeiert und gepriesen, ohne zu ahnen, was es bringt. Das neue Jahr wird nicht besser, weil man Raketen und sonstige Fontänen in die Atmosphäre und Mutter Erde damit zur Feier des Jahresbeginns sogleich mitten in die Fresse ballert. So viel zu verschwendeten Worten von Vorsätzen, falschen Versprechungen und Feuerwerk. Das war eigentlich nur die Einleitung. Willkommen im nächsten Jahrzehnt. Auch hier dreht sich die Erde weiter, auch hier gibt es Verpflichtungen, auch hier bist du allein mit dir.

Allein - ein weiter Begriff, der doch nicht mächtiger sein könnte. Was ist alleinesein, wo fängt es an und wo hört es auf? Gibt es das überhaupt oder gibt es nichts anderes? Ich sitze in meiner Wohnung, kein Besuch. Nur das Ticken der Uhren und sonst nichts. Sonst Stille, ich bin allein. Es gibt Augenblicke, da liebe ich es, wenn die Welt schweigt. Wenn niemand da ist, den ich ansehen, auf den ich reagieren muss. Wenn niemand da ist, der registriert, dass ich überhaupt existiere. Das sind Momente des einsamen Glücks. Und dann gibt es solche, in denen die äußere Leere sich mit dem Inneren verbindet und aushüllt mit Nichts. Das sind die anderen Momente. Über die man nicht gerne redet. Jeder kennt diese Momente, doch wird stets der "andere" Moment überwiegen, wenn man eines Tages vielleicht rückblickend sein Leben analysiert und anschaut. Wir werden allein geboren und wir sterben allein. Natürlich kann es Menschen geben, die uns die Hand halten, während wir entschlafen, doch all jene Menschen, die unseren Lebenspfad kreuzen - Freunde, Partner, Familie - sind nichts als Begegnungen, die uns ein Stück begleiten. Auch wir sind für sie nichts anderes. Ein Freund sagte einmal zu mir, dass wir alle - jeder für sich - in einer eigenen Welt leben und man lediglich die des Anderen berührt, im besten Fall ein wenig bereisen kann, aber uns all unser Bemühen, all unsere Fassade niemals vor dem einsamen Abgang bewahren wird. Ich sage nicht, dass diese Begegnungen nicht bereichern oder nicht wunderbar sein können. Nur ändert sich dadurch nichts an dem menschlichen Schicksal, auch wenn dies ein durchaus fragwürdiger Begriff ist, den ich aber in diesem Zusammenhang doch gern verwenden möchte.

Während ich diesen Text so ganz allein in meiner Wohnung tippe und nichts als das leise Ticken der Uhren vermischt mit dem wilden Tippen auf meiner Tastatur vernehme, fühle ich mich nicht wohl. Doch sollen uns in diesen Momenten die Gedanken trösten. Gedanken, Erinnerungen lassen uns ein wenig weniger allein dastehen und erinnern uns zugleich daran, wie wichtig es ist, zu leben.

Den Weg der Wahrheit müssen wir alleine gehen, auch wenn alle mitkommen. (Bernhard Steiner)

Mittwoch, 5. Januar 2011

Ganz unkreativ

und kurz (und schmerzlos sowieso) diese minimale Mitteilung: In den kommenden Tagen wird hier, genau hier, ein neuer Eintrag stehen. Für die wenigen Beiträge in den letzten Wochen möchte ich mich entschuldigen, in diesem Jahr wird es mehr zu lesen geben. Also an alle Ungeduldigen da draußen: Geduld ist leider tatsächlich eine Tugend, zahlt sich oft aber aus und das gefällt doch bekanntlich jedem. Frohes und auf ein Neues!

Montag, 22. November 2010

Liebeserklärung an...

...die deutsche Sprache. Ja, ich liebe die deutsche Sprache. Denn man kann fast alles mit ihr machen; man kann sie lesen, deuten, singen, sprechen, stottern, schnorcheln, rückwärts sprechen, aufsagen, auswendig lernen, denken, hauchen, ins Ohr brüllen, stöhnen, kreischen, verschweigen, zustimmen, widersprechen, streiten. Man kann wild mit ihr wiederholen, kreuzreimen, paarreimen oder sogar umarmend reimen, sie verbildlichen, steigern, mit ihr maßlos übertrieben oder auch untertreiben, sie überkreuzstellen, andeuten, beschönigen, lautmalern, umstellen, reizüberfluten und mit ihr verwirren. Man kann mit ihr gewinnen und triumphieren. Und trotzdem wird sie gnadenlos misshandelt. Sie wird geschlagen, droht langsam einzugehen und windet sich unter der Dummheit so vieler Menschen, die sie leider benutzen.

Einer meiner Dozenten sagte letzte Woche zu uns, dass wir einen gesicherten Job hätten als angehende Germanisten, denn spätestens in 20 Jahren sei die deutsche Sprache eine Wissenschaft, die nur Gelehrte anzuwenden wissen werden. So wird kaum ein anderer in der Lage sein, sich angemessen auszudrücken oder überhaupt rechtschreiblich unbedenklich zu kommunizieren. Und dann kommen wir. Ich habe meinem Dozenten sofort geglaubt, denn die deutsche Sprache verkommt. Nicht durch Werbeslogans wie "Da werden Sie geholfen" oder durch Anglizismen wie Handy oder googlen. Nein, ein Blick auf die Neuigkeiten in meinem Facebook reicht vollkommen aus. Das Internet ist da sowieso Schauplatz des Elends. Da schreibt eine/r mit aller Selbstverständlichkeit "daführ", "kanst", "überseuerter margen" oder einfach "weis". In Momenten wie solchen, in denen ich so etwas lese, weiß ich nicht so recht, ob ich schockiert dreinblicken oder einfach gleich die Stirn auf die Tastatur hämmern soll, denn ich kann so etwas nicht verstehen. Die einzige Entschuldigung für eine derart schlechte Rechtschreibung ist für mich eine nachgewiesene Lese-Rechtschreib-Schwäche oder ähnliches.

Natürlich muss man in Sachen korrekter Rechtschreibung und Ausdrucksweise gerade in Bezug auf das Internet/Kommunikationsplattformen und dem wahren Leben unterscheiden. Viele rechtfertigen falsche oder sogar ganz und gar fehlende Kommasetzung sowie ihre schlichtweg beschämende Rechtschreibung damit, dass es ja "hier kein Deutschunterricht ist", dass "es hier doch egal ist, wie man schreibt". Vielleicht ist es das. Vielleicht aber auch nicht. Wie ich mit Erschrecken vor einigen Tagen in der Uni feststellen musste, sind selbst Menschen, die es bis dorthin gebracht haben und peinlicherweise sogar Deutsch studieren, nicht in der Lage, richtig zu schreiben. Vielleicht war diese Person aber auch häufig im Internet tätig und hat es daraus übernommen, wer weiß. Mir schießen Rechtschreib- und Grammatikfehler sofort ins Auge, ob online, in der Uni, unterwegs oder in der Werbung - sie sind überall. Leider. Wir Germanisten führen einen harten Kampf.

"Es ist unglaublich, wieviel Geist in der Welt aufgeboten wird, um Dummheit zu beweisen.
"
(Christian Friedrich Hebbel)

Zu erwähnen ist hier natürlich auch die Jugendsprache von heute und ich meine nicht Ausdrucksformen wie cool, Hackenporsche oder Tussitoaster. Ich meine diejenige Ausdrucksweise der - ich wage es mal, es so zu bezeichnen - geistig verarmten Jugend ohne Perspektive(n). Ganz abgesehen vom teils unbegründet asozialen Verhalten und wüsten Beleidigungen, die ich hier gar nicht aufführen möchte, weil sie sich eh jeder denken kann, gibt es da diese Formulierungen wie "Isch schwör, alta", die dem Deutsche-Sprache-Junkie einen kalten Schauer bereiten. Doch dies ist eine andere, sehr komplexe Thematik, weshalb dieser Gedankenanstoß an dieser Stelle alleingelassen werden soll.

Nur warum? Warum lassen viele diese Sprache durch hässliche Formen und Formulierungen derart verkommen und vergewaltigen? Ist sie euch nicht schön genug? Dann sucht euch einen anderen Doofen! Die Sprache ist ein Geschenk und eine wertvolle Gabe, die einen überall hinbringen kann. Sind wir ihr nicht angesichts dessen ein wenig Anerkennung schuldig?

Ein Wort wird mit ß geschrieben, wenn es einem langen Vokal folgt, wie in Straße, groß oder Muße. Dem Doppel-s geht ein kurzer Vokal voraus, wie bei Fass, muss oder Riss. Das Das hinter dem Komma wird dann mit Doppel-s geschrieben, wenn etwas eine Folge aus etwas ist (Der Mann wusste, dass sie lebt) und nur dann mit einem S, wenn sich das Das auf ein Nomen im Hauptsatz bezieht (Sie streichelte das Rentier, das auf einmal im Zimmer stand). Wider wird immer dann nur mit i geschrieben, wenn es etwas Gegensätzliches/Widersprüchliches ausdrückt, wie zum Beispiel bei Widerstand, Widerwille, zuwider. Kommata sind ebenso kein sehr schwieriges Feld. Als Faustregel gilt: Ein Komma soll sinnvolle Pausen in den Gedankengang bzw. für das Sprechen bringen. Es ist manchmal besser, lieber ein Komma mehr zu setzen, als eins zu wenig. Genaue Kommaregeln können bei Google mit höchster Wahrscheinlichkeit nachgeschlagen werden. Das wäre an dieser Stelle doch ein wenig zu übertrieben und würde mich in ein etwas zu hochnäsiges, besserwisserisches Licht rücken und das wollen wir ja nicht. In diesem Sinne fasse ich ein äußerst kurzes und zudem geklautes Resümee:

Gebt euch nicht auf - lernt lesen und (vor allem) schreiben!

(Und: Schämt euch, aber nicht zu sehr. Ich helfe gern weiter.)

Donnerstag, 4. November 2010

Ode an...mich

Schluss mit allen Verallgemeinerungen und Schluss mit all dem zumeist sentimental-theatralischen Gemotze! Heute, hier und jetzt widme ich mich nur mir selbst. Ganz persönlich, ganz ich. Eine Ode an mich selbst... oder so ähnlich. Nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist eine prunkvolle Vorrede überflüssig, es folgt nichts Ergreifendes. Jeder, der zu viel erwartet, sollte an dieser Stelle besser wegschauen, denn es geht knallhart und ohne weitere Umschweife nur um das Eine: mich. Warum? Weil ich es möchte. Spaß beiseite (oder auch nicht), manch einen interessiert es vielleicht (oder auch nicht). Es wird monoton, stumpf, zusammenhangslos und egoistisch... Und sagt am Ende nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Ich wurde geboren in Hamburg, aber meine Mutter zog zu meinem Vater, als ich zwei Jahre war und so bin ich in Berlin aufgewachsen. Vor einem Monat bin ich aus Berlin ausgezogen, allein, nach Düsseldorf, allein. Es ist super. Ich studiere Germanistik mit dem Ergänzungsfach Linguistik. Bevor die Frage kommt: Linguistik ist die Sprachwissenschaft und ziemlich öde. Ich wohne im 5. Stock und das ohne Aufzug! Montag bekomme ich endlich eine Waschmaschine, die in den Waschkeller kommt, was bedeutet, dass ich zum Wäschewaschen 6(!) Stockwerke laufen muss. In der Schule war ich faul und habe mich nie mündlich beteiligt, weil ich der Ansicht war, das können auch andere für mich sagen, auch wenn ich es weiß. So kam mein Durchschnittsabitur von 2,7 zustande. Ich habe im Kindergarten mit meinem damaligen besten Freund mein erstes Buch geschrieben. Es ging um einen Banküberfall. Meine Rechtschreibung damals mit 9 war besser als die der meisten Menschen, die ich heute im Internet lese und das ist nicht übertrieben. Ich liebe den Herbst und ich liebe den Winter. Ich liebe die Weihnachtszeit, Weihnachtsmärkte, Weihnachtsduft, Weihnachtsdeko, Weihnachtsplätzchen, Schnee und alles, was dazu gehört. Am meisten mag ich den Weihnachtsmarkt in Braunschweig. In Braunschweig fühle ich mich zu Hause, obwohl ich dort nie gelebt habe. Ich schreibe Gedichte seit ich 14 bin und kann es inzwischen recht gut. Manchmal trage ich schwarzen Nagellack. Ich bin offen und tolerant. Aber sehr ungeduldig. Ich habe erst vor wenigen Monaten die Definition von wahrer Freundschaft erlernt. Ich versuche oft so sehr einem bestimmten Bild zu entsprechen, dass ich dabei mein Glück vergesse oder das eines anderen. Aber ich finde immer wieder auf den Weg zurück. Manchmal steht mir mein Stolz oder Ego im Weg. Das sind Schwächen, an denen ich arbeite. Ich finde Stillstand furchtbar. Genauso wie Menschen, die die Schuld ausschließlich auf andere schieben. Ich liebe Melancholie, Stille und Einsamkeit, aber nicht immer. Manchmal liebe ich es, hemmungslos zu feiern, unter Menschen zu sein. Ich liebe Pinguine. In meinem nächsten Leben werde ich einer. Ich liebe anspruchsvolle Filme und Ralph Fiennes. Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube. Mein Badezimmer ist höchstens drei Meter breit und ein Meter tief. Ich habe Angst vor dem Aussehen von Waschmaschinen. Ich möchte russisch lernen. Ich liebe (emotional) kluge Menschen. Ich bin schadenfroh und manchmal ein Arschloch. Manchmal bin ich viel zu schüchtern. Ich habe oft kalte Hände. Ich liebe edle Kleidung, die aus dem 19. Jahrhundert und die aus den 1920-40er Jahren in Deutschland. Ich hätte gerne zu solchen Zeiten gelebt, da es dort noch gesittet zuging. Ich halte viel von Manieren. Ich würde gerne einen Schrank voll Anzügen haben. Und eine Hausente. Und einen Mops namens Barbara Jaqueline (ja, wirklich). Nun geht es aber zu sehr ins Detail. Es reicht.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

2 Wege ins Unglück

Eingelebt, doch niemals angepasst, melde ich mich wie versprochen zurück. Eine andere Stadt, eine andere Umgebung, andere Menschen, andere Gerüche, andere Sitten. Vieles hat sich verändert und ich würde lügen zu behaupten, es würde spurenlos an mir vorbeiziehen. Es wäre gelogen zu behaupten, ich habe mich nicht verändert. Das habe ich und das ist etwas Gutes. Die Luft hier ist gut, ich atme wesentlich freier und das Verweilen unter den vielen klugen Köpfen tut mir gut. Soviel dazu. So kommt es, dass ich dieses Mal nicht nur eine Thematik im Kopf habe, sondern gleich zwei und so werde ich ganz neuartig diese beiden Thematiken in einem abhandeln. Kurz: Ihr habt keine Lust auf zwei einzelne Einträge und ich erst recht nicht, so wird beides in einen gequetscht und alles ist wunderbar.

Kurze Rede, langer Sinn; ich spreche von Veränderung und damit indirekt schon ein Thema an. Jetzt werden einige Gemüter aufschreien "Nicht schon wieder!", doch keine Panik bitte. Schließlich steckt doch in allem irgendwie Veränderung. Wenn du etwas isst, verändert sich die Konsistenz des Essens, wenn du atmest die Luft vor deinem Gesicht und so weiter und so fort. Und doch geht es darum nicht. Denn viele Menschen scheuen sich vor jeglicher Veränderung. Sie schauen nur zurück, wälzen sich wohlig in Erinnerungen und bewegen sich damit niemals vorwärts. Sie blicken niemals nach vorn, jedenfalls nicht lange genug, um einen Schritt vorwärts zu schaffen. Es geht nur rückwärts. Es geht nach hinten los. Diese Menschen gehen einen Weg ins Unglück.

Dieser Pfad ist nicht nur steinig, dass sie hinfallen werden - früher oder später - und vielleicht nicht mehr hochkommen. Dieser Pfad ist vor allem dunkel und einsam, denn das Leben jetzt ist weit weg von ihnen. Erinnerung ist ein wichtiges Gut, eine wundervolle Gabe. Jeder sollte sich erinnern, jedoch nicht in dieser Erinnerung leben. Viele wünschen sich die Kinderzeit zurück, in der sie die Welt noch bunt gesehen haben, Probleme nicht kannten und alles bekamen, was sie wollten. Viele wünschen sich in eine Zeit zurück, in der alles um sie herum noch funktionierte: Beziehung, Familie, Beruf, Freunde, Wärme, Sicherheit, Halt, Gemeinschaft, Kraft. Man weiß um das positive Empfinden damals, man hat es genossen, war glücklich und glaubt, es wieder sein zu können, indem man in dem Gedanken weiterlebt. Doch man wird es nicht. Man verliert den Blick geradeaus ins Leben, ins Jetzt und ins Morgen, weil man meint, das Gestern war doch so schön. Man möchte die schöne Erinnerung nicht loslassen, klammert sich an längst vergangene Zeiten, die nichts sind als etwas in unserem Kopf. Man lebt noch. Doch nur im Kopf. Dort ist es vertraut, dort bleibt man allein mit seiner Erinnerung. In irgendeiner Ecke im Kopf entspringt das Glück, doch an dieser Ecke geht man blindlings vorbei. Das Leben in Erinnerungen liegt weit entfernt vom Glückszentrum. Entgegengesetzte Richtung - ein Weg ins Unglück.

Und dann gibt es Menschen, die nicht reden. Viele Probleme gibt es allein dadurch, dass man nicht redet. Dabei ist das so einfach. (Fast) Jeder Mensch ist mit dieser Gabe gesegnet und doch macht kaum einer in der richtigen Situation von ihr Gebrauch. So viele Beziehungen scheitern daran, dass man nicht miteinander spricht. Dinge, die einem nicht gefallen am anderen werden schweigend erfasst, vearbeitet und führen am Ende dazu, dass die Liebe nachlässt und man der Beziehung den Stempel "lieber getrennte Wege" verpasst. Anstatt einfach mal den Mund aufzukriegen, schmeißt man lieber alles weg. Aus die Maus. Beziehung zuende, aus und vorbei. Und ein paar Vorwürfe als Abschiedsgeschenk. Da klappt das mit dem Reden dann.
Oder ganz einfach: Wenn man in der Schule nie den Mund aufbekommt. Dann gilt das als mündlich unbeteiligt und gibt eine schlechtere Note, egal, wie klug man eigentlich ist. Oder noch einfacher: Wenn man den Mund nicht aufbekommt, wenn sich der unfreundliche Typ im Supermarkt vordrängelt. Dann wartet man länger, ärgert sich im schlimmsten Fall innerlich bitterlich und gilt als nicht selbstbewusst, was wiederum im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass sich noch ein zweiter Dödel vordrängelt, weil er beobachtet hat, dass man das mit dir machen kann. Wenn Menschen immer schweigsam bleiben, gibt es keine Veränderung - für niemanden. Wenn Menschen immer schweigsam bleiben, bewegt sich nichts und man bleibt unsichtbar. Niemand wird dich wahrnehmen als Schweigsamen. Hätten die Menschen immer den Mund gehalten, würde die Welt heute ganz anders aussehen. Die Mauer würde noch stehen, denn ohne den Aufstand der Menschen wäre sie nie gefallen.

"Reden wollen, aber nicht reden, das hat schon viele gereut." (Kâlidâsa, 4./5. Jh. n. Chr., indischer Dichter)

Es gibt keinen Grund, still zu sein. Erhebt die Stimme, denn sie ist Macht. Sie ist ein Geschenk. Sie ist kein Mittel zur sinnlosen Kommunikation. Gekonnt eingesetzt kann sie einen an die Spitze der Welt bringen. Oder einfach zum Glück. Schweigen und Runterschlucken in den falschen Situationen nimmt einen an die Hand auf einen Weg ins Unglück. Wo man sich irgendwann übergeben muss und all das Leid und den Schmerz auszukotzen leid wird. Weil man vielleicht eines Tages merkt, dass man sich damit selbst auf den falschen Pfad geführt hat. Weil man einfach nicht die Fresse aufbekommen hat. Man kann mit Reden viel verlieren, doch bei Weitem nicht so viel wie auf dem Weg, der irgendwann zur Erkenntnis führt, dass man selber schuld ist oder war. Dann ist es zu spät. Dann klammert man sich vielleicht an die guten, alten Zeiten, an die Erinnerung und geht den zweiten Weg ins Unglück weiter und weiter und verliert vielleicht für alle Zeit den Blick ins Leben. In der Erinnerung ist man tot, denn sie ist vergangen.