Donnerstag, 28. Oktober 2010

2 Wege ins Unglück

Eingelebt, doch niemals angepasst, melde ich mich wie versprochen zurück. Eine andere Stadt, eine andere Umgebung, andere Menschen, andere Gerüche, andere Sitten. Vieles hat sich verändert und ich würde lügen zu behaupten, es würde spurenlos an mir vorbeiziehen. Es wäre gelogen zu behaupten, ich habe mich nicht verändert. Das habe ich und das ist etwas Gutes. Die Luft hier ist gut, ich atme wesentlich freier und das Verweilen unter den vielen klugen Köpfen tut mir gut. Soviel dazu. So kommt es, dass ich dieses Mal nicht nur eine Thematik im Kopf habe, sondern gleich zwei und so werde ich ganz neuartig diese beiden Thematiken in einem abhandeln. Kurz: Ihr habt keine Lust auf zwei einzelne Einträge und ich erst recht nicht, so wird beides in einen gequetscht und alles ist wunderbar.

Kurze Rede, langer Sinn; ich spreche von Veränderung und damit indirekt schon ein Thema an. Jetzt werden einige Gemüter aufschreien "Nicht schon wieder!", doch keine Panik bitte. Schließlich steckt doch in allem irgendwie Veränderung. Wenn du etwas isst, verändert sich die Konsistenz des Essens, wenn du atmest die Luft vor deinem Gesicht und so weiter und so fort. Und doch geht es darum nicht. Denn viele Menschen scheuen sich vor jeglicher Veränderung. Sie schauen nur zurück, wälzen sich wohlig in Erinnerungen und bewegen sich damit niemals vorwärts. Sie blicken niemals nach vorn, jedenfalls nicht lange genug, um einen Schritt vorwärts zu schaffen. Es geht nur rückwärts. Es geht nach hinten los. Diese Menschen gehen einen Weg ins Unglück.

Dieser Pfad ist nicht nur steinig, dass sie hinfallen werden - früher oder später - und vielleicht nicht mehr hochkommen. Dieser Pfad ist vor allem dunkel und einsam, denn das Leben jetzt ist weit weg von ihnen. Erinnerung ist ein wichtiges Gut, eine wundervolle Gabe. Jeder sollte sich erinnern, jedoch nicht in dieser Erinnerung leben. Viele wünschen sich die Kinderzeit zurück, in der sie die Welt noch bunt gesehen haben, Probleme nicht kannten und alles bekamen, was sie wollten. Viele wünschen sich in eine Zeit zurück, in der alles um sie herum noch funktionierte: Beziehung, Familie, Beruf, Freunde, Wärme, Sicherheit, Halt, Gemeinschaft, Kraft. Man weiß um das positive Empfinden damals, man hat es genossen, war glücklich und glaubt, es wieder sein zu können, indem man in dem Gedanken weiterlebt. Doch man wird es nicht. Man verliert den Blick geradeaus ins Leben, ins Jetzt und ins Morgen, weil man meint, das Gestern war doch so schön. Man möchte die schöne Erinnerung nicht loslassen, klammert sich an längst vergangene Zeiten, die nichts sind als etwas in unserem Kopf. Man lebt noch. Doch nur im Kopf. Dort ist es vertraut, dort bleibt man allein mit seiner Erinnerung. In irgendeiner Ecke im Kopf entspringt das Glück, doch an dieser Ecke geht man blindlings vorbei. Das Leben in Erinnerungen liegt weit entfernt vom Glückszentrum. Entgegengesetzte Richtung - ein Weg ins Unglück.

Und dann gibt es Menschen, die nicht reden. Viele Probleme gibt es allein dadurch, dass man nicht redet. Dabei ist das so einfach. (Fast) Jeder Mensch ist mit dieser Gabe gesegnet und doch macht kaum einer in der richtigen Situation von ihr Gebrauch. So viele Beziehungen scheitern daran, dass man nicht miteinander spricht. Dinge, die einem nicht gefallen am anderen werden schweigend erfasst, vearbeitet und führen am Ende dazu, dass die Liebe nachlässt und man der Beziehung den Stempel "lieber getrennte Wege" verpasst. Anstatt einfach mal den Mund aufzukriegen, schmeißt man lieber alles weg. Aus die Maus. Beziehung zuende, aus und vorbei. Und ein paar Vorwürfe als Abschiedsgeschenk. Da klappt das mit dem Reden dann.
Oder ganz einfach: Wenn man in der Schule nie den Mund aufbekommt. Dann gilt das als mündlich unbeteiligt und gibt eine schlechtere Note, egal, wie klug man eigentlich ist. Oder noch einfacher: Wenn man den Mund nicht aufbekommt, wenn sich der unfreundliche Typ im Supermarkt vordrängelt. Dann wartet man länger, ärgert sich im schlimmsten Fall innerlich bitterlich und gilt als nicht selbstbewusst, was wiederum im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass sich noch ein zweiter Dödel vordrängelt, weil er beobachtet hat, dass man das mit dir machen kann. Wenn Menschen immer schweigsam bleiben, gibt es keine Veränderung - für niemanden. Wenn Menschen immer schweigsam bleiben, bewegt sich nichts und man bleibt unsichtbar. Niemand wird dich wahrnehmen als Schweigsamen. Hätten die Menschen immer den Mund gehalten, würde die Welt heute ganz anders aussehen. Die Mauer würde noch stehen, denn ohne den Aufstand der Menschen wäre sie nie gefallen.

"Reden wollen, aber nicht reden, das hat schon viele gereut." (Kâlidâsa, 4./5. Jh. n. Chr., indischer Dichter)

Es gibt keinen Grund, still zu sein. Erhebt die Stimme, denn sie ist Macht. Sie ist ein Geschenk. Sie ist kein Mittel zur sinnlosen Kommunikation. Gekonnt eingesetzt kann sie einen an die Spitze der Welt bringen. Oder einfach zum Glück. Schweigen und Runterschlucken in den falschen Situationen nimmt einen an die Hand auf einen Weg ins Unglück. Wo man sich irgendwann übergeben muss und all das Leid und den Schmerz auszukotzen leid wird. Weil man vielleicht eines Tages merkt, dass man sich damit selbst auf den falschen Pfad geführt hat. Weil man einfach nicht die Fresse aufbekommen hat. Man kann mit Reden viel verlieren, doch bei Weitem nicht so viel wie auf dem Weg, der irgendwann zur Erkenntnis führt, dass man selber schuld ist oder war. Dann ist es zu spät. Dann klammert man sich vielleicht an die guten, alten Zeiten, an die Erinnerung und geht den zweiten Weg ins Unglück weiter und weiter und verliert vielleicht für alle Zeit den Blick ins Leben. In der Erinnerung ist man tot, denn sie ist vergangen.

Kommentare:

  1. Verdammt..wie gut. Es beschreibt es genau. Und gerade gehts mir wie in dem ersten Beispiel, wenn man den Mund in der Beziehung nicht aufkriegt. Wenn man überhaupt den Mund nicht aufkriegt. Oder wenn man es nichteinmal merkt..dass etwas anders läuft.

    Ach Noha ich kann nur sagen..wunderbar wieder <3
    Ich liebe es ehrlich wenn du schreibst. =D
    Du wahrer Schriftsteller.

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  2. Wow, gefällt mir besonders gut.
    Ich habe in der Vergangenheit viel durchmachen müssen, weil ich es zugelassen habe. Als ich angefangen habe meine Meinung zu äußern, hat sich mein Leben geändert und die Menschen um mich herum fingen an, mich zu respektieren.
    Danke für die schöne sprachliche Umsetzung, da hast du damit doch tatsächlich 'ne Spur in meinem Herzen hinterlassen.

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  3. noah, ich liebe deine einträge immer noch *_*
    du hast vollkommen recht. reden ist gold - schweigen ist silber.
    ich denke ich werde wohl auch mal versuchen etwas offener zu sein und mehr zu reden xD

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