Dienstag, 15. März 2011

Leid weiter

Menschen sind schlecht. Sie hassen sich, schlagen sich, beschimpfen sich, hintergehen sich, spielen und spannen sich gegenseitig aus, verletzen, quälen, foltern und töten sich. Mich drängeln sie gern in Bus, Bahn und Gehweg zur Seite, knallen mir die Tür vor der Nase zu oder husten mich an. Manche mögen es, mit meinen Gefühlen zu spielen und nutzen ihr geheimes Wissen über mein sensibles Wesen aus. Manche denken, ich sei dümmer als sie, obwohl das kaum möglich ist. Dann glauben sie, sie könnten mich manipulieren oder einfach nur für einsame Momente warm halten. Man weiß ja nie. Ich schon. Ich weiß es. Ich bin es leid, mich für dumm verkaufen zu lassen. Und ich bin es leid, vergessen zu werden von Menschen, die sich Freunde nennen. Freunde vergessen sich nicht und handeln spätestens dann, wenn sie merken, dass sich einer vergessen fühlt. Ich bin es leid, feststellen zu müssen, dass niemand etwas merkt, egal ob einem die Hand vom permanenten Winken fast abfällt. Man haut auf den Tisch und die Nachbeben bleiben nicht länger als zwei Tage im Gedächtnis, dann sind sie vergessen und die Freundschaft vorbei. Ich bin es leid, Dingen hinterherrennen zu müssen, die gar nicht eingeholt und festgehalten werden können oder wollen. Ich werde von nun an auf diejenigen bauen, die ich an meiner Seite spüre. Die einen in keinem Fall bei einem Besuch vor der Tür vergessen würden. Ich bin so viele Menschen leid, dass ich sie nun einfach alle wortlos ziehen lasse. Der gemeinsame Weg ist vorbei und trennt sich hier. Adieu. Lebt wohl.

Ich bin übrigens auch viel anonymere Dinge leid, wie es stillschweigend hinzunehmen, wenn wieder einmal irgendein rücksichtsloses Exemplar Mensch aus heiterem Himmel vor meinen Füßen stoppt und ich es ausschließlich meinen guten Reflexen zu verdanken habe, mich nicht jedes Mal unfreiwillig gegen diesen fremden Leib zu pressen. Das ist nicht gerade meine bevorzugte Variante von Körpernähe. Auf dem Weg nach Hause muss ich meist eine Hauptstraße entlanglaufen und alle 10 Sekunden rollt dort ein Fahrradfahrer auf dem Gehweg an mir vorbei. Selbstverständlich auf der Straßenseite, an der zahlreiche Baustellen die Breite des Weges ohnehin lediglich auf die Breite einer durchschnittlich gewichtigen Person reduziert haben. Da fragt man sich: Wo ist das Hirn? Jeder einigermaßen gut erzogene Mensch weiß, dass man rechts geht bzw. fährt und dies im Alter von über 12 Jahren auf der Straße zu tun hat. Nun, diese Fahradfahrer haben leider gar nichts verstanden. Sie fahren auf dem linken Gehweg und natürlich weiche ich als Fußgänger zur Seite. Jedes Mal wieder. Aber auch das bin ich leid und werde es fortan unterlassen. Sollen die Fahrradfahrer doch ins Baugerüst krachen, vielleicht reaktiviert der Sturz ja ihr Gehirn ein wenig.

Es gibt so vieles, das ich leid bin, dass ich diese Aufzählung nicht weiter fortführen möchte, weil ich es leid bin. Ich bin es leid, etwas leid zu sein. Also leide ich nicht mehr, sondern lass andere leiden, damit die es auch irgendwann leid werden und das Gleiche beschließen. So leidet jeder mal und denkt im Idealfall sogar ein wenig nach. Das klingt doch erstmal gut. Das kann ich leiden.

Kommentare:

  1. "Manche denken, ich sei dümmer als sie, obwohl das kaum möglich ist." Ist da wohl wer arrogant?

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  2. Großartig wie immer!

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  3. Danke, dass du einige meiner Gedanken in Worte umgeformt hast.

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  4. Deine Texte fesseln mich einfach. Schön geschrieben, der Beweggrund ist allerdings eher unschön. Ich hoffe du verlässt dich in nächster Zeit nur auf Menschen, die es wert sind.

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  5. Sehr,sehr guter Text!Wahrheitsgehalt 100%,leider.

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  6. Der Text ist fantastisch.
    Du fasst genau das in Worte, worüber viele Menschen sich aufregen.
    Allgemein alle deiner Texte sind wirklich gut.

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  7. Oh, ich mag dich nicht nerven.
    Aber auch an diesem Text finde ich so einiges schade, wenn auch gut formuliert.

    Das die Liebe nicht immer die schönste ist, hast du durchaus shonmal bemerkt.
    Jedoch: "Freunde vergessen sich nicht und handeln spätestens dann, wenn sie merken, dass sich einer vergessen fühlt."
    Mit Freunden ist es wie mit der Liebe, sie kommen und gehen. Entweder du hast Glück und findest den Freund/ Die Liebe fürs Leben oder nicht.
    Ich schätze die wenigesten Menschen könnten von sich behaupten, dass sie die perfekten Freunde haben - sie tun es aber ohne zu wissen, dass auch diese sie hintergehen.
    Schuld daran - Gendefekt Mensch

    Gruß, der Ungbekannte

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  8. Sagenhaft, wie leicht es anderen fällt, das, wofür ich einfach keine Worte finde, in solch einen Text zu fassen. Ich bin wahrlich kein Rhetorikkünstler. Und ich danke dir, dass du meine Gedanken in Worte fasst. So könnte man es sagen.

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