Donnerstag, 11. März 2010

(M)Ein Tag in Berlin (2)

Nach all dem theatralischen Gesülze und hochtrabener Melancholie mit einem Schuss Poesie der vergangenen Blog-Einträge widme ich mich einmal wieder meiner Lieblingsstadt (für etwas Langsamere weise ich hier auf die Ironie hin) mit ihren Höhen und vor allem Tiefen: Berlin.

Eine sehr gefährliche Stadt. Vor allem für all Diejenigen mit Nerven auf Hochspannung. Der Schrecken lauert an und in jeder Ecke. Mal kauert dort ein bettelnder Obdachloser, mal lauert dort ein betrunkener Penner. Voraussehen kann man derartiges nur in den seltensten Fällen. Man sollte stets gewappnet sein mit stählernen Nerven, Muskeln und einer Nasenklammer. Ladies and Gentlemen, welcome to fabulous Berlin!

Die U-Bahnfahrt war das wohl Normalste; die Augen hatte ich permanent geschlossen, um keinen der mir Gegenübersitzenden ansehen zu müssen. Irgendwann hat man sich am Elend sattgesehen. Der Kampf in die S-Bahn war auch gekonnt zügig beendet und ein triumphierendes Grinsen formte die Lippen als man einen Sitzplatz ergattert hat. Doch für welchen Preis... Der Magen drehte sich, in die Nase kroch ein stechender Gestank, der nur sehr schwer zu beschreiben ist; Es hatte etwas von vor 500 Jahren vergammelten Käse, getrocknetem Schweiß, Dreck, Müll und Fäkalien. Ja, genau so und nicht anders. Der siegessichere Blick war schnell zu einem panisch nach der Quelle des Miefs suchenden Blick geworden und kurz bevor der Magen sich dreifach zu überschlagen und die Cornflakes herauszuwürgen drohte, war das Ziel gefunden: Durch den S-Bahn-Gang hinkte ein vermutlich Obdachloser. Mein Herz ist überfüllt von Mitleid, wirklich, aber in diesem Moment wünschte ich mir einfach nur Erlösung, denn mein Hals hatte sich bereits verdächtig zugeschnürt. Ja, es ist traurig, aber derart verkommen muss ein Mensch in Deutschland nicht. Der - ich umschreibe es einmal schonend - strenge Geruch blieb auch nach Verlassen des Auslösers hämisch im Wagon und so liebte ich die kalte Winterluft nach langem das erste Mal wieder von Herzen als ich ausstieg.

Aber es sollte noch besser kommen. Von Weitem schon sah ich etwas, das mir unpassend erschien so mitten auf dem Gehweg. Als ich näherkam konnte ich nicht anders als zu lachen. Dort stand ein Klo, auf direktem Wege platziert. Ein gebrauchtes wohlbemerkt. Das erkannte man deutlich an den bräunlichen Gebrauchsspuren in der Schüssel. Eigentlich hätte nur noch eine Klopapierrolle samt -halter gefehlt und man hätte direkt seine Sitzung starten können. Da hat doch einmal jemand an seine Mitmenschen gedacht, vielen Dank! An den Details kann man eben noch pfeilen. Großartig meckern konnte man nun wirklich nicht, hatte der Ex-Klobesitzer doch sogar eine alte Gardine um den nächsten Laternenpfahl gehängt.

Weniger Erfreuliches ereignete sich nun auf dem Rückweg. Allerdings kein Einzelfall. Eigentlich ist Uhrzeit, Ort und Gemütsverfassung ohne Bedeutung, ich persönlich verdrehe jedes Mal die Augen, wenn ich schon einen der drittklassigen U-Bahn-Musiker mit blödem Grinsen durch die Zugtüren kommen sehe. Nicht nur, dass man seine eigene Musik oder sein eigenes Wort nicht mehr versteht, nein, es ist zumeist einfach nur fürchterliches, billiges, unprofessionelles Geklimper und Geklirre, manchmal gepaart mit alptraumerregenden Gesangseinlagen. Ganz oben im Kurs ist dabei übrigens das Akkordeon, auf dem stets die selben drei Tasten gedrückt werden, die Trompete, mit ebenfalls höchstens drei variierenden Tönen sowie irgendwelche Trommeln. Heute wurde ich beispielsweise Zeuge einer ganz ausgeklügelten Darbietung: Im ersten Moment dachte man: Oh, das klingt ja mal nur schlecht und nicht furchterregend, doch dann die bittere Enttäuschung: Der Mann hatte wieder einmal nicht mehr als drei Tasten beherrscht und hatte sein mangelndes Talent einfach mit laufender CD plus Miniboxen im Rucksack überspielt und hielt dann auch noch sein Becherchen hin, um dafür belohnt zu werden. Kreativ, doch leider überwiegt hier der Grad an Armseligkeit. Das Schlimmste an der ganzen Thematik Bahn-Musiker ist aber, dass ich stets das Gefühl habe, einen unsichtbaren Magneten an der Arschbacke kleben zu haben. Fast bei jeder Fahrt steigt derartiges Volk in meinen Wagon. Da kann man beinahe anfangen, sich selbst zu bemitleiden...wo mein Herz doch an Mitleid überschwappt.

Nun hatte ich das Gedudel überstanden, bin raus aus der Bahn und hetzte zu meinem Bus. Die Fahrer sind bekanntlich nicht die Geduldigsten und die Freundlichsten sowieso nicht. Aber man war drin, in Gedanken schon zu Hause und da spürte man die verdächtige Magenrotation erneut... Inmitten all der älteren Herrschaften roch es stechend. Stechend nach Jauche, nach Gülle, man nenne es, wie man will. Das kommt im Bus eher selten vor, gebe ich zu, deshalb saß der Schock auch tief und drehte fröhlich das Innere mit. Zum Glück war die Fahrt kurz. Berlin ist zwar überfüllt an Technik, Hightech und Menschgeschaffenem, aber in Momenten wie diesen, in denen man die kalte, frische Luft in der Nase kitzeln spürt, da spürt man die Liebe zur Natur. Mitten in der Hauptstadt.

Kommentare:

  1. hach. berlin. auch so ein thema für sich.
    dank deiner ausführlichen beschreibung, habe ich den geruch nun auch wieder in der nase.

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  2. Mich würde interessieren wie du über das Thema "Jemanden kennen" denkst :)

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  3. Ich denke du erinnerst Dich nichtmehr daran wer ich bin, aber ich verfolge deinen Blog stets mit. Ich liebe deinen Schreibstil.
    Und deine Ehrlichkeit.

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  4. Zu meinem vorigen Eintrag

    "Mich würde interessieren wie du über das Thema "Jemanden kennen" denkst :)"

    Damit meine ich, wie du es siehst, dass viele behaupten einen zu kennen. etc. ab wann man einen der Meinung nach WIRKLICH kennt./kennen kann.

    Würde mich freuen :)

    Ansonsten: Ich liebe deinen Schreibstil auch! Es macht spaß sich einen noch so langen text von dir durchzulesen. Es ist nie langweilig :)

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  5. Dankesehr und ich habe mir deinen Vorschlag notiert! (:

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  6. Dankesehr auch :) Würde mich freuen deine Meinung zu lesen :)Ich finde du hast allgemein eine gute Sicht und ein Talent :)

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  7. also als kleiner touri würd ich den
    rand nicht soweit aufmachen.
    deine kleinen augen mögen diese stadt
    einschätzen wollen...doch dafür muss
    man mehr sehen als man einfach nur will...

    in dem sinne ist die einschätzung leider
    fail und füttert schnelles vorurteil...

    was die kunst des schreibens angeht
    gefällt es mir sehr gut

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